Therapie von chronischen Blasenschmerzen / Interstitieller Zystitis

Therapie chronischer Blasenschmerzen / Interstitieller Zystitis

Bisher sind weder die Ursache(n) noch die Mechanismen der Entstehung von chronischen Blasenschmerzen / Interstitieller Zystitis geklärt. Daher gibt es keine kausale, also an den Krankheitsursachen ansetzende, Therapie. Allerdings stehen zahlreiche therapeutische Ansätze zur Verfügung, deren Wirksamkeit unterschiedlich gut belegt ist. Für viele Therapien gibt es nur kleine Studien, oft mit geringer Nachbeobachtungszeit.

Auch in den verschiedenen Leitlinien spiegelt sich das Bild der für viele Therapien unbefriedigenden Datenlage wider, die Empfehlungen unterscheiden sich teilweise erheblich. Viele Therapien – teilweise auch gute belegte – werden leider nicht von den Krankenkassen übernommen.

Ziele der Therapie

  • Regeneration der Glykosaminoglykan-(GAG-)Schicht der Blasenschleimhaut (s. Abbildung)
  • Schmerzlinderung / Entzündungshemmung
  • Entspannung des Blasenmuskels
  • Verbesserung der Lebensqualität

Abb. linker Teil: Bei chronischen Blasenschmerzen / Interstitieller Zystitis ist die schützende Glykosaminoglykan-(GAG-)Schicht in der Blasenschleimhaut defekt, so dass toxische Substanzen aus dem Urin in die Blasenwand und tiefere Schichten eindringen und dort Entzündungsreaktionen mit Schmerzen auslösen können.

Abb. rechter Teil: In den meisten Fällen ist es möglich, mit Medikamenten (Pentosanpolysulfat) oder Instillationstherapien im Laufe von Monaten die Schäden der GAG-Schicht zu verringern oder sogar zu reparieren.  Dadurch wird eine weitere Reizung der Blasen-Schleimhaut verhindert. 

Pentosanpolysulfat wirkt auch antientzündlich, indem es die Mastzellaktivierung hemmt. Die typischen Beschwerden chronischer Blasenschmerzen / Interstitieller Zystitis werden gelindert.

Therapieformen im Überblick

Allgemein üblich ist heute eine multimodale Therapie der chronischen Blasenschmerzen / Interstitiellen Zystitis, d.h. eine Kombination verschiedener Therapie-Ansätze. Die hier dargestellten Therapieformen sollen einen Überblick über den aktuellen Stand geben, erheben aber keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Therapieformen im Detail

Orale medikamentöse Therapie

  • Pentosanpolysulfat hat sich in klinischen Studien als wirksam erwiesen. Der Wiederaufbau der geschädigten Schutzschicht erfolgt nur langsam. Somit tritt auch eine Verbesserung der Symptomatik oftmals erst nach einigen Monaten (z.T. erst nach 6 Monaten) ein.
  • Gegen Schmerzen kommen verschiedene Analgetika und Co-Analgetika zum Einsatz. Da es sich neben Entzündungsschmerzen auch um Nervenschmerzen (neuropathische Schmerzen) handelt, werden neben nicht-steroidalen Antirheumatika und Opioiden auch sog. Co-Analgetika wie das Antidepressivum Amitriptylin oder das Antiepileptikum Pregabalin eingesetzt.

Instillationstherapie (Einbringen von flüssigen Medikamenten in die Blase)

  • Chondroitinsulfat, Hyaluronsäure und Heparin sollen die Regeneration der GAG-Schicht unterstützen, Lidocain dient der Lokalanästhesie. Die Wirkstoffe werden in die Blase instilliert und müssen dort mindestens 30 Min. verbleiben. Um eine signifikante Wirkung zu erreichen, sind 10 Instillationen erforderlich (über 6 Wochen jeweils 1 Instillation, dann alle 4 Wochen 1 Instillation). Es folgen weitere Instillationen in patientenindividuellen Intervallen.

Invasive lokale Therapien

  • Die EMDA (ElectroMotive Drug Administration) ist eine minimal-invasive Form der Instillationstherapie, die das Iontophoreseprinzip (aktiver Transport geladener Teilchen) nutzt. Hierdurch werden intravesikal (in den Blasenhohlraum) applizierte Medikamente tiefer und kontrollierter in alle Blasenwandschichten eingebracht als bei herkömmlicher Blaseninstillation.
  • Hydrodistension (Überdehnung der Blase in Narkose). Bei diesem Verfahren wird die Harnblase mit einem Druck von ca. 80 bis 100 cm Wassersäule über 5–8 min mit steriler Kochsalzlösung gefüllt. Die Blasenwand wird dadurch stimuliert, sich zu regenerieren, so dass Schmerzen und Drang reduziert werden. Hydrodistension wird auch zur Diagnostik der interstitiellen Zystitis eingesetzt.

Physikalische Therapie

  • Warme Bäder, Beckenbodenentspannungsübungen mit Biofeedback
  • Thiele-Massage (transvaginale Massage der Beckenbodenmuskulatur)
  • Verhaltenstherapie (Harnblasentraining) zur Steigerung der Harnblasenkapazität
  • Akupunktur
  • TENS – Transkutane elektrische Nervenstimulation (eine elektromedizinische Reizstromtherapie zur Behandlung von Schmerzen und zur Muskelstimulation)

Ergänzende Maßnahmen

  • Stressreduktion, Entspannungstechniken wie progressive Muskelrelaxation, Hypnose, autogenes Training
  • Diätetische Maßnahmen: Vermeidung von Koffein, Alkohol, Süßstoffen, scharfen Gewürzen und Getränken mit urinansäuernder Wirkung
  • Urin-Alkalisierung

Chirurgische Verfahren

  • Sakrale Neuromodulation (Beckenbodenschrittmacher). Die Sakralnerven steuern die Funktion von Beckenboden, Blase und Enddarm. Mit Hilfe eines implantierten Beckenbodenschrittmachers werden die Sakralnerven über feine Elektroden in ihrer Funktion beeinflusst, um Reflexbögen und Abläufe zu verbessern.
  • Falls Hunner-Läsionen vorliegen: Laser-Behandlung / Koagulation der Läsionen. Dies soll die Regeneration der Blasenschleimhaut anregen.
  • Ultima ratio: Zystektomie / Harnableitung. Wenn alle anderen Therapieverfahren ausgeschöpft sind, bleibt nur die Entfernung der Harnblase, um Lebensqualität zurückzubekommen.