Aktualisierung 14.8.2018: Ständiger Harndrang seit 1 Jahr – Frage von Bernd

Rückfrage vom 14.8.2018:

Vielen Dank für Ihre schnellen und hilfreichen Antworten. Ich hoffe das sind meine letzten Fragen. Vielen Dank.

  1. Kann eine 20ml große Prostata wirklich noch solche Harndrangprobleme machen oder vermutlich weil auch der Blasenboden noch leicht gefäßinjiziert ist (allerdings Befund vom 23. Juli)
  2. Kann der Eschericha Coli aus der Prostata kommen (wie der Urologe vermutet / allerdings nie Nachweiß bei Sperma-Tests) oder doch eher Blase?
  3. Der Urologe fand einen Gyrasehemmer wie Levofloxacin nicht so gut wegen meiner massiven Schlafstörungen (nächtlicher Harndrang). Deshalb Amoclav -> 3x täglich für 10 Tage bei 1000-1000 Keimen ausreichend?
  4. Wie lange dauert es normalerweise bis eine chronische Prostataentzündung (die auf dem Weg der Besserung ist von 28ml auf jetzt 20ml) ganz ausheilt? Mehrere Monate?
  5. Würden Sie empfehlen Betmiga vorerst nicht zu nehmen, da ich ja vermutlich noch keine überaktive Blase habe?

Antwort von Prof. Wiedemann:

Lieber Bernd,

  1. die Größe der Prostata korelliert nicht mit dem Abflusshindernis. Auch eine kleine Prostata kann solche Beschwerden machen.
  2. Das kann man mit verschiedenen Kulturen (Urin, Sperma) herausbekommen.
  3. Gyrasehemmer machen bei Hochbetagten manchmal Verwirrtheitszustände, bei jüngeren nicht. Ich wäre das Risiko eingegangen.
  4. Die Heilung einer Prostataentzündung macht sich leider nicht an der Größe fest. Sie wird eher in Laborwerten beobachtet. Die Größe unterliegt vielen Einflussfaktoren, eine Entzündung verändert die Größe nicht.
  5. Betmiga ist ein Medikament für die Überaktive Blase, Sie haben vermutlich eine chronische Prostataentzündung.

Mit freundlichen Grüßen,
Prof. Dr. med. Andreas Wiedemann, Chefarzt der Urologischen Klinik, Ev. Krankenhaus Witten gGmbH

Rückfrage vom 11.8.2018:

Vielen Dank für die schnelle Rückantwort. Noch folgende Nachfragen, falls möglich:

  1. Spricht die Faktenlage aus Ihrer Sicht eher für eine abklingende Entzündung (Blase, Prostata) oder eine überaktive Blase?
  2. Welches Antibiotika würde Sie eher empfehlen gegen den Darmkeim im Urin -> Levofloxacin oder Amoclav oder??? Antibiogramm sagt für beide sensibel und für sehr viele andere auch.
  3. Sollte ich mittlerweile darauf drängen mich in eine urologische Klinik einweisen zu lassen? Kann man mir da vermutlich besser und schneller helfen?

Antwort von Prof. Wiedemann:

Lieber Bernd,

  1. eher Prostataentzündung,
  2. Chinolone, zu denen Levofloxacin gehört, besitzen pharmakologisch im Prostatagewebe die beste Aktivität – also Levofloxacin. Wenn Sie es vertragen – lange (mindestens 3 Wochen) in Kombination mit einem pflanzlichen Präparat und einem Alpha-Blocker,
  3. eher nicht Klinik, es sind keine speziellen Maßnahmen, die nur eine Klinik vorhält, erforderlich. Zu überlegen wäre eher, ob man die Antibiose mit 2 Antibiotika und dann intravenös durchführt.

Mit freundlichen Grüßen,
Prof. Dr. med. Andreas Wiedemann, Chefarzt der Urologischen Klinik, Ev. Krankenhaus Witten gGmbH

Ursprüngliche Frage:

Ich bin männlich und 44 Jahre alt, bin 177cm groß und wiege 64kg. Seit September 2017 leide ich unter ständigem Harndrang / Harnstrahl wurde immer schwächer / Strahl nur mit Drücken / entweder stoßweise oder nur noch tröpfelnd (tagsüber: bis zu 20mal auf Toilette nachts: ca. 6-8 mal auf Toilette). Zwischendurch immer mal wieder Schmerzen im Dammbereich.

Im Dezember 2017 war ich beim Urologen. Diese diagnostizierte eine chronische Prostataentzündung (Prostata: 29ml / Sperma-> Erreger Hautkeim : Staphylloccus epidermis 10 hoch 4 / Urin war unauffällig kein Darmkeim.)

In der Folgezeit bis Juli 2018 wurden mir einige pflanzliche Medikamente verabreicht und  4 x Antibiotika -> Ciprofloxacin 500mg (2x für je 10 Tage), Unacid (1x für 10 Tage), Cotrim forte (1x für 15 Tage). Zwischendurch immer wieder leichte Verbesserungen für wenige Tage (nach 3-5 Tagen Antibiotikaeinnahme). Danach aber immer wieder schlechter. Weitere 5 Laborergebnisse waren zudem immer: Ejakulatkultur meist nicht therapiebedürftig oder grenzwertig: 10 hoch 2 – 10 hoch 4. Prostatagröße schwankte zwischen 28ml und 23ml.

Beschwerdebild aber keine große Veränderung.

Nieren wurde geröntgt (Mai 2018)->  Befund:  alles in Ordnung

MRT (12. Juli 2018) -> Befundbeurteilung : Ultrikuluszyste, kein Abzess, leichte Signalinhomogenität der peripheren Zone als Hinweis für eine stattgehabte Entzündung, beginnende benigne Hyperplasie, leichte Wandverdickung der Samenbläschen

Blasenspiegelung bei meinen Urologen (23. Juli 2018): Operationsbericht -> Unauffällige, normal weite benile Harnröhre, prostatische Harnröhre nicht obstruktiv und leicht gefäßinjiziert bei Z.n. Prostatitis, uanauffälliger urethrovesikaler Übergang, Ostien bds. Eutop, klarer Urin während der Untersuchung, der Blasenboden stellt sich noch leicht gefäßinjiziert da, die übrige Blasenschleimhaut ist zart-rosé glänzend (unauffällig). In der gesamten Blase kein Anhalt für einen Tumor.

Diagnose + Empfehlung Urologe (23. Juli 2018): abklingende Blasen- und Prostataentzündung, viel Trinken, das machen was mir gut tut + Beckenbodentraining (bisher noch nicht begonnen wegen Urlaub) .

Beschwerden seit dem teilweise verschlechtert – teilweise besser -> Leide weiterhin unter ständigem Harndrang, nachts: immer noch 4-6 mal auf Toilette,  tagsüber: immer noch bis zu 10-15mal auf Toilette, manchmal auch alle 5-10min, Urinmenge meist nur 10-50ml, manchmal 100ml, wenn in kurzer Zeit sehr viel getrunken 200ml, nie 300ml oder mehr. Drang allerdings weniger stark. Harnstrahl wieder stärker bis normal. Keine Schmerzen mehr im Dammbereich.

Wegen nächtlichem Harndrang schlafe ich nur max. 4-5 Stunden in der Nacht (seit einem 1 Jahr) mit Unterbrechung alle 1-2h. / ca. 4-5 Kilo abgenommen seit Beginn der Erkrankung – wiege nur noch 64Kg (bei 177cm Körpergröße) . War normalerweise immer TOP-gesund (Sportler) , gute Blutwerte.

Jetzt habe ich einen Urintest beim Hausarzt machen lassen -> Eschericha Coli (Keimzahl  1000 – 10.000).

Es gibt bzw. gab also doch einen Keim in der Blase bzw. Urin, entweder von Anfang an oder im Laufe der Zeit neu (den der Urologe nicht gesehen hat). Gab ja auch nur einen Urin-Test von Anfang Dezember 2017.

Der Hausarzt hat mir empfohlen es erst mal pflanzlich zu versuchen (bevor wieder Antibiotika): 130 mg Forskolin morgens und abends und einen Teelöffel D-Mannose circa eine Stunde. Diese Kur für vier Wochen zusammen mit Goldrutenkraut. Ein Urologe aus Köln soll damit gute Erfahrungen gemacht haben. Wenn das nicht hilft wieder Antibiotika z.B. Levofloxacin.

Zudem war ich erneut beim Urologen (leider nur Vertretung da). Eine Harnstrahlmessung ergab das das Harnverhalten noch leicht obstruktive ist. Die Prostata ist auf 20ml zurückgegangen. Er glaubt das der Darmkeim aus der Prostata kommt (obwohl bei diversen Spermatests nie gefunden) und nicht direkt aus der Blase. Gegen den Darmkeim wurde mir jetzt für 10 Tage das Antibiotika Amoclav (3x täglich für 10 Tage) verschrieben. Das auf natürlichen Weg zu bekämpfen glaubt er nicht so recht dran. Levofloxacin fand er nicht so gut wegen meiner Schlafstörungen. Zudem wurde mir Betmiga gegen eine überaktive Blase verschrieben und erneutes Rezept zum  Beckenbodentraining (da altes  schon abgelaufen s.o.).

Hierzu folgende Fragen:

  1. Hätte der Urologe nicht zwischendurch mal weitere Urintestes machen müssen bei meinen Beschwerdebild des ständigen Harndrangs und früher eine Blasenspiegelung (Behandlungsfehler)?
  2. Woher rührt der ständige Harndrang aus Ihrer Sicht (Tag + Nacht)? Wirklich Blasentzündung durch Escheria Coli oder doch eher überaktive Blase oder immer noch Prostataentzündung?
  3. Was empfehlen Sie gegen den Eschericha Coli Keim? Eher wie Hausarzt oder Empfehlung Urologe? Welche Therapieempfehlungen noch?
  4. Betmiga hilft ja nur die Symptome einer überaktive Blase zu dämpfen (oder??), was empfehlen Sie hinsichtlich der nachhaltigen Gesundung einer hyperaktiven Blase?

Antwort von Prof. Wiedemann:

Lieber Bernd,

vielen Dank für den ausführlichen Bericht. Der Fragenkatalog und insbesondere die Frage nach dem Behandlungsfehler sind im Rahmen eines Blogs, bei dem es um allgemeine Fragen geht, nicht zu beantworten. Sie gehören in ein Sachverständigen-Gutachten. Deshalb: Sorry, ich passe.

Ganz allgemein: das Krankheitsbild einer chronischen Prostatitis ist langwierig, schwierig zu behandeln und lässt unzufriedene Patienten und Behandler zurück. Das liegt weder am Patienten (der keine psychosomatischen Beschwerden hat) noch am Behandler (der die Lösung nicht findet, weil es kein Patentrezept gibt).

Manchmal hilft die Kombination verschiedener Medikamente (z. B. Antibiotikum + Alpha-Blocker + Pflanzliches), manchmal eine hochdosierte, stationäre Gabe von Antibiotika, manchmal unorthodoxe Therapien wie „Prostatazäpfchen“, die pflanzliche Inhaltsstoffe über den Enddarm nahe an die Prostata bringen, manchmal hilft eine Kur, Strom…

Mit freundlichen Grüßen,

Prof. Dr. med. Andreas Wiedemann, Chefarzt der Urologischen Klinik, Ev. Krankenhaus Witten gGmbH

2018-08-14T17:03:42+00:0011. August 2018|

Über den Autor:

Prof. Dr. Andreas Wiedemann
Herr Prof. Dr. A. Wiedemann ist Chefarzt der Klinik für Urologie des evangelischen Krankenhauses Witten, Autor zahlreicher wissenschaftlicher Publikationen und gefragter Referent.