Tamsulosin – Frage von AxelD

Guten Tag.

Ich habe seit Jahren Schmerzen im Dammbereich zwischen Hoden und After.  Die Schmerzen äußern sich als brennendes, schneidendes Empfinden.  In starken Phasen zieht dieser Schmerz an der Rückseite der Beine bis in die Fußsohlen.  Die Missempfindungen sind fast immer, mindestens als Druckgefühl bzw. Verkrampfung vorhanden. Die oben beschriebenen extremen Schmerzen kommen in unregelmäßigen Intervallen, die keine vorangehenden Ereignisse haben.

Ich war in den letzten 20 Jahren bei mehreren Urologen, immer mit dem von mir geäußerten Verdacht, Probleme mit der Prostata zu haben. Ohne irgendein Ergebnis.

Keine Prostatavergrößerung.  Keine nachweisbaren Entzündungen.  Kein erhöhter PSA-Wert.

Der zuletzt behandelnde Urologe sagte aber, dass er davon ausgeht, dass ein Problem mit den sakralen Nervenbahnen vorliegt und empfohlen, dies durch einen Neurologen untersuchen zu lassen.

Ein MRT wird im Februar erstellt.  Der Neurologe sagte, dass die von mir beschriebenen Symptome durch eine Beinträchtigung des Nervus Pudendus ausgelöst werden können.   Unabhängig von der Empfehlung einen Neurologen aufzusuchen hat der Urologe Tamsulosin verschrieben. Als Versuch den bereich zu entspannen und so eine Linderung herbeizuführen.

Ich habe das Mittel genommen und nach zwei Tagen in der Tat eine wesentliche Verbesserung / Entspannung festgestellt. Es war eine wesentliche Verbesserung der Lebensqualität. Als schnell einsetzende Nebenwirkungen habe ich eine Senkung des Blutdrucks  von sonst ca. 130/135 zu 80/85 auf 110/115 zu 55/60 und eine retrograde Ejakulation festgestellt.

Nach ca. 4 Wochen haben sich dann an den Unterschenkeln tagsüber Ödeme gebildet. Ich habe daraufhin die Einnahme von Tamsulosin abgebrochen.  Mit dem Abbruch sind die Ödeme verschwunden.  Nach einer Pause habe ich wieder mit der Einnahme begonnen und konnte die Ödembildung an den Unterschenkeln nach ca. 4 Wochen Einnahme reproduzieren. Das ist für mich sehr schade, weil ich neben der Ödembildung sonst für mich enorme Vorteile sehe.

Meine Frage ist nun, legen sich diese Nebenwirkungen nach längerer Einnahme? Oder ist die Ödembildung eine Reaktion des Körpers auf die Erweiterung der Arterien und Venen und den niedrigeren Blutdruck? Also das, was sonst bei Alphablockern als Nebenwirkung beschrieben wird, dass der Körper veruscht, das Blutvolumen zu erhöhen, um den Blutdruck in den erweiterten Blutgefäßen wieder anzuheben.  Sind dann auch bei Tamsulosin Diuretika erforderlich wenn man es nehmen möchte?

Mein Alter: 52 Jahr, Größe: 182 cm, Gewicht: 78 kg

Beste Grüße und vielen Dank im Voraus!
AxelD

Antwort von PD Dr. Wiedemann:

Lieber Axel,

Ihre Beschwerden klingen für mich auch so, als wären sie durch eine Prostata-Erkrankung verursacht. Besser noch als durch ein MRT könnte man mit einer speziellen Untersuchung („Pudendus-Latenzzeit“) klären bzw. ausschließen, dass es sich um eine neurologische Störung des N. pudendus handelt.

Dass Tamsulosin angesprochen hat, spricht für die Prostata als Auslöser.

Tamsulosin ist „prostataselektiv“, hier sinkt der Blutdruck in Studien nur um 1 mm Hg im Durchschnitt.  Dennoch gibt es selten Ödeme.

Ich sehe 4 Alternativen:

  1. Das Verbleiben in der Substanzgruppe mit einem noch selektiveren Alpha-Blocker (Silodosin, Handelsname UroRec)
  2. Wechsel auf ein Phytotherapeutikum (pflanzlich, am ehesten Sägepalmextrakt). Vorteil: weniger Nebenwirkungen, Nachteil: Wirkung schwächer
  3. Wechsel auf einen sog. 5-Alpha-Reduktase-Hemmer (z. B. Finasterid), Vorteil: ganz anderer Wirkmechanismus, hat nichts mit dem Kreislauf zu tun, Nachteil: manchmal wird die Libido schwächer
  4. Prostata-Operation (z. B. von uns in Witten bevorzugt: Grünlichtlaser), Vorteil: es müssen gar keine Medikamente genommen werden, Nachteil: Operation erforderlich.

Insgesamt würde ich als Ihr Urologe 1, danach 2, …. nach neurolog. Untersuchung (MRT allein reicht m. E. nicht) abarbeiten.

Gruß

Priv.-Doz. Dr. med. Andreas Wiedemann, Chefarzt der Urologischen Klinik, Ev. Krankenhaus Witten gGmbH

2017-01-13T11:22:36+00:00 13. Januar 2017|

Über den Autor:

Prof. Dr. Andreas Wiedemann
Herr Prof. Dr. A. Wiedemann ist Chefarzt der Klinik für Urologie des evangelischen Krankenhauses Witten, Autor zahlreicher wissenschaftlicher Publikationen und gefragter Referent.