Gutartige Prostatavergrößerung versus Blasenschwäche seit Kindheit – Frage von Arianus

Wegen eines Fehlverhaltens (stand länger klatschnaß in einer nicht geheizten Kirche) nervt mich meine Blase seit meinem 8. Lebensjahr. Besonders bei kühlem Wetter, Regen, vielem Trinken in diesem Zusammenhang. Jetzt bin ich ich 60 und eine gutartige Prostatavergrößerung ist dazu gekommen. Kürbis- und Sägepalmpräparate helfen nicht. Mein Urologe hat mir Tamsulosin verschrieben, das ich wegen der möglichen Nebenwirkungen nicht einnehmen will.

Meine Blase verhält sich häufig ganz schlimm nachts. 10x ist keine Seltenheit. Ich habe einen Nachttopf neben dem Bett stehen.  Meine Frau rät mir zu Beckenbodengymnastik, nach meinem Verständnis braucht diese ein Mann nach einer Prostata-Op. Schmerzen beim Wasserlassen habe ich keine, auch sonst nicht. Ich fühle mich wohl, aber diese überaktive Blase beschäftigt mich.

Jetzt habe ich mir Urival bestellt. Wenn das auch nicht hilft, werde ich wohl ein schulmedizinisches Präparat einnehmen müssen, um eine Operation zu vermeiden.

Wie beurteilen Sie meine Situation ?

Nachtrag:

Entschuldigung, ich habe noch folgendes nicht bedacht: Zur Verordnung von Tamsulosin: Mein Urologe sagte mir auf Anfrage, dass ich dieses lebenslang einnehmen müsse. Daraus schließe ich, daß ich von solch einem Medikament mit seinen möglichen Nebenwirkungen abhängig werde. Auch dieser Aspekt hat mich bewogen, es vorerst nicht zu besorgen und somit auch nicht einzunehmen.

Es gibt Phasen, wo meine Blase vergleichsweise friedlich ist, z.B. tagsüber an heißen Tagen. Da muß ich selbst bei Konsum von 2 Bieren nicht zur Toilette, weil ich die Flüssigkeit wahrscheinlich ausschwitze; liege ich bei diesem Punkt richtig ?

An Abenden mit kühlerem Wetter muß ich bereits bei einem Weißbier häufiger zur Toilette. Bitte nehmen Sie jetzt nicht an, ich sei ein Alkoholiker.

Wenn ich ins Hallenbad gehe, meide ich beispielsweise eine Apfelschorle, weil ich dann garantiert nicht eine Stunde ununterbrochen schwimmen kann, ohne die Toilette zwischendurch aufsuchen zu müssen. Wegen der Prostatavergrößerung geht dann nicht alles ab und nach einer Viertelstunde bin ich schon wieder dran. Auf Nässe reagiert meine Blase manchmal empfindlich.

Bitte beantworten Sie meine beiden getrennten Anfragen möglichst in einem Block.

Antwort von PD Dr. Wiedemann:

Sehr geehrter Arianus,

zu Ihren 2 Anfragen:

Ihre Beschwerden klingen eher nach einer Überaktiven Blase, als nach einem Prostataproblem. Die Prostata macht sich eher mit abgeschwächtem Harstrahl und unvollständiger Blasenentleerung bemerkbar, die sog. Überaktive Blase oder Reizblase mit häufigem Hardrang tags und nachts. Aber auch Mischbilder sind möglich. Tamsulosin ist ein klassisches Prostatamedikament, das – wie ein Bluthochdruckmedikament lebenslang eingenommen werden muss, wenn es anschlägt. Das macht aber nicht abhängig. Das machen Blutdruckmedikamente ja auch nicht.

Ich würde, spätestens, wenn Tamsulosin nicht anschlägt, eine genauere Untersuchung mit einer „Urodynamik“ empfehlen.

Gruß

Priv.-Doz. Dr. med. Andreas Wiedemann, Chefarzt der Urologischen Klinik, Ev. Krankenhaus Witten gGmbH

2017-01-16T12:43:32+00:00 16. Januar 2017|

Über den Autor:

Prof. Dr. Andreas Wiedemann
Herr Prof. Dr. A. Wiedemann ist Chefarzt der Klinik für Urologie des evangelischen Krankenhauses Witten, Autor zahlreicher wissenschaftlicher Publikationen und gefragter Referent.